
Die Schlagzeilen häufen sich. Bei VW sollen laut internen Informationen über 100.000 Stellen abgebaut werden und 4 Werke in Deutschland stehen auf der Kippe, unter anderem wohl auch das Audi-Werk Neckarsulm.
Die Rechnung zahlen die Falschen
Wenn ein Konzern jahrzehntelang Milliardengewinne einfährt, wenn seine Vorstände sich ihre Vergütung mit Verweis auf ihre angeblich einzigartige Leistung vergolden lassen und wenn Politiker*innen jeder Couleur bei Betriebsbesuchen um die Gunst der Konzernspitze werben, dann könnte man meinen, im Fall einer Krise würden auch jene zur Verantwortung gezogen, die die Entscheidungen getroffen haben. Doch der Kapitalismus kennt eine andere Logik. Gewinne werden privatisiert. Die Kosten werden auf uns Arbeiter*innen abgewälzt.
Sollten sich die Berichte bestätigen, nach denen im Volkswagen-Konzern langfristig bis zu 100.000 Stellen zur Disposition stehen könnten, wäre das die jüngste und wohl drastischste Zuspitzung einer Entwicklung, die seit Jahren absehbar war. Nicht die Elektromobilität hat Volkswagen in diese Lage gebracht. Nicht die Beschäftigten haben die Krise verursacht. Und auch nicht die Leiharbeiter in den Werkshallen oder die Kolleg*innen bei den Zulieferer in den Gewerbegebieten.
Die Krise ist das Ergebnis eines Wirtschaftssystems, das langfristige Planung systematisch bestraft und kurzfristige Rendite belohnt.
Über Jahre hinweg war offensichtlich, wohin sich die globale Automobilindustrie bewegt. China investierte Milliarden in Elektromobilität, Batterietechnologie und industrielle Wertschöpfungsketten. Neue Hersteller entstanden, während etablierte Konzerne ihre Geschäftsmodelle umbauten. Die Frage war nicht, ob die Transformation kommt, sondern wie schnell sie kommt.
Doch gerade die deutsche Autoindustrie reagierte darauf mit bemerkenswerter Trägheit. Solange die Gewinne stimmten, bestand kein Anlass, das eigene Erfolgsmodell grundsätzlich zu hinterfragen. Warum riskante Investitionen tätigen, wenn sich mit Verbrennern noch prächtige Margen erzielen lassen? Warum Produktionsabläufe neu organisieren, wenn Aktionäre Jahr für Jahr steigende Ausschüttungen erwarten?
Die Verteidiger des Marktes erzählen gern, Wettbewerb zwinge Unternehmen zu Innovation und Effizienz. Tatsächlich zeigt sich immer wieder das Gegenteil. Große Konzerne entwickeln eine erstaunliche Fähigkeit, Veränderungen zu ignorieren, solange die Bilanzzahlen stimmen. Die viel beschworene Flexibilität des Marktes endet oft dort, wo kurzfristige Profite gefährdet werden.
Das gilt nicht nur für Volkswagen. Es gilt für das deutsche Wirtschaftsmodell insgesamt.
Seit Jahrzehnten wird in Deutschland gepredigt, der Staat müsse sparen, dürfe sich nicht verschulden und habe sich möglichst aus wirtschaftlichen Prozessen herauszuhalten. Das Ergebnis ist sichtbar. Brücken verfallen. Schulen werden sanierungsbedürftig. Die Bahn ist zum Symbol eines chronischen Investitionsstaus geworden. Während andere Länder Zukunftstechnologien fördern und Infrastruktur ausbauen, diskutiert Deutschland darüber, wie sich die nächste Sparrunde organisieren lässt.
Die gleiche Logik herrschte in vielen Vorstandsetagen. Investitionen galten als Kostenfaktor, nicht als Voraussetzung zukünftiger Wettbewerbsfähigkeit. Man lebte von der Substanz und erklärte dies zur wirtschaftlichen Vernunft.
Nun folgt die Rechnung.
Besonders empörend ist dabei die Verteilung der Lasten. Diejenigen, die die strategischen Fehlentscheidungen verantwortet haben, müssen die Folgen selten tragen. Wer als Beschäftigter am Band arbeitet, kennt dieses Prinzip. Wenn die Geschäfte gut laufen, wird erzählt, der Erfolg sei das Ergebnis genialer Managemententscheidungen. Wenn die Geschäfte schlecht laufen, sollen plötzlich die Lohnkosten das Problem sein.
Es ist eine bemerkenswerte Form von Verantwortungslosigkeit. Manager, deren Jahresvergütungen ein Vielfaches dessen betragen, was eine Industriefacharbeiterin in ihrem gesamten Berufsleben verdient, präsentieren Fehleinschätzungen als Sachzwänge.
Und verkünden wieder besseren Wissens die Entwicklungen wäre nicht absehbar gewesen.
Die eigentlichen Risiken tragen andere. Leiharbeiter*innen, deren Verträge zuerst auslaufen. Beschäftigte bei Zulieferern, deren Existenz an einzelnen Aufträgen hängt. Familien, die Kredite für Häuser aufgenommen haben. Kommunen, deren Steuereinnahmen von einem einzelnen Großkonzern abhängen.
Besonders deutlich wird das in Ingolstadt.
Die Stadt verdankt ihren Wohlstand zu einem erheblichen Teil Audi. Jahrzehntelang schien dieses Modell aufzugehen. Die Gewerbesteuern flossen. Die Arbeitslosigkeit blieb niedrig. Die Region galt als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte.
Doch wirtschaftliche Stärke und wirtschaftliche Abhängigkeit sind nicht dasselbe.
Über viele Jahre hinweg behandelte die lokale Politik die Interessen des Konzerns nahezu wie ein öffentliches Interesse. Unabhängig von Parteigrenzen entstand der Eindruck, die wichtigste Aufgabe kommunaler Politik bestehe darin, optimale Bedingungen für Audi zu schaffen. Wer Investitionen, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen an einen einzelnen Konzern bindet, macht sich jedoch verwundbar.
Zur ganzen Wahrheit gehört auch das der VW-Konzern, und das ist laut deutschen Steuerrecht erlaubt, seine Bilanz gesamt berechnet und um es kurz zu sagen wegen einem schlechten Ergebnis bei Porsche im letzen Jahr als Gesamtkonzern überhaupt keine Steuern zahlen muss.
Also Geld das nicht nur jetzt in der Ingolstädter Stadtkasse fehlt.
Die Frage lautet deshalb nicht nur, warum Volkswagen und Audi die Transformation verschlafen haben. Die Frage lautet auch, warum Politik und Verwaltung kaum ernsthafte Anstrengungen unternommen haben, die wirtschaftliche Basis der Region breiter aufzustellen.
Wo sind die großen öffentlichen Investitionen in Forschung, Bildung und Infrastruktur? Wo sind die Strategien, um neue Industrien anzusiedeln? Wo ist die Vorbereitung auf eine Zukunft, in der die Automobilindustrie nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie vor zwanzig Jahren?
Stattdessen herrschte die Illusion, die Erfolgsgeschichte werde sich von selbst fortsetzen.
Nun zeigt sich, wie gefährlich diese Vorstellung war.
Die Krise von Volkswagen ist deshalb mehr als eine Unternehmenskrise. Sie ist eine Krise eines gesamten Modells. Ein Modell, das wirtschaftliche Planung dem Markt überlässt. Ein Modell, das öffentliche Investitionen vernachlässigt. Ein Modell, das Vorstände für Erfolge belohnt und Beschäftigte und Steuerzahler*innen für Misserfolge bezahlen lässt.
Die entscheidende Frage ist nicht, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit eines einzelnen Konzerns wiederherstellen lässt. Die entscheidende Frage lautet, wer über die Zukunft von Industrie, Arbeit und Technologie entscheidet.
Solange diese Entscheidungen vor allem von Aktionärsinteressen bestimmt werden, wird sich das Muster wiederholen. Erst werden Gewinne abgeschöpft. Dann werden Risiken ignoriert. Schließlich werden Arbeitsplätze abgebaut.
Und am Ende heißt es wieder, leider habe es keine Alternative gegeben.
Dabei besteht die eigentliche Alternativlosigkeit nur darin, dass ein Wirtschaftssystem, das langfristige Planung zugunsten kurzfristiger Rendite opfert, zwangsläufig immer neue Krisen produziert. Die Beschäftigten bei Volkswagen haben diese Krise nicht verursacht. Zahlen sollen sie sie trotzdem.
Wir wollen nicht für eure Krise zahlen!
Die Kolleg*innen bei Mercedes sind jetzt auf der Straße um gegen Kürzungen bei Personal und längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich zu protestieren.
Bei Audi in Neckarsulm formiert sich auch Widerstand.
Die Beschäftigten des Zulieferers Mahle in Neustadt an der Donau befanden sich 8 Tage im Erzwingungsstreik um die Schließung des Werks abzuwenden, Sie konnten immerhin bessere Konditionen erkämpfen.
Am Donnerstag den 9. Juli trifft sich der VW-Aufsichtsrat in Wolfsburg um über die Sparpläne zu beraten.
Die Sparpläne die das Managermagazin veröffentlicht hat fallen in eine Zeit in der im Oktober die Tarifverhandlungen in der Metall und Elektroindustrie starten und bilden so schon einen gewissen Grunddruck auf die Position der IG Metall.
Organisieren wir jetzt die kollektive Opposition gegen die Sparpläne und den allgemeinen Kurs der deutschen Konzerne!
Auch wollen wir keinen grüneren oder nachhaltigeren oder demokratischeren Kapitalismus sondern gar keinen mehr.
Deswegen muss unsere Position in diesen Auseinandersetzungen natürlich ganz klar eine antikapitalistische sein und damit auf der Seite der Beschäftigten.